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Weihnachten

Friedensfest der ganzen Schöpfung

Anders als bei Matthäus und Lukas beginnt die Geschichte Jesu im Markus-Evangelium nicht mit der Kindheitsgeschichte, sondern mit Taufe und Versuchung Jesu; und so heißt es fast lapidar in Mk 1,13: „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ Eine Anspielung an die Friedensvision in Jesaja 11, in der der Wolf beim Lamm liegt, Kalb und Löwe zusammen weiden und von einem Knaben gehütet werden: Jesus als Mittler der Schöpfung! Ein Thema, das in der Theologie fast vergessen ist, hat sie doch sehr das Augenmerk auf Jesus, den Mittler der Erlösung, gelegt.

An die Anfänge denken! Das gehört zu Weihnachten. Und wenn Markus an den Neubeginn Gottes mit uns Menschen und das „Projekt“ des Neuen Menschen denkt, schaut er ganz weit zurück: auf die Geschichte des Ersten Menschen, auf Adam, der es im Garten Eden auch mit den wilden Tieren zu tun hatte …


Diesseits und jenseits von Eden, und wer ist wo?

Angenommen, Sie seien Adam und / oder Eva und bekämen die Möglichkeit, noch einmal umzukehren ins verlorene Paradies; vermutlich würden Sie sich die Augen reiben. Denn Ihre Mitgeschöpfe, die Tiere, sind ja immer noch da!
Über ihr Schicksal nach jenem unseligen Sündenfall schweigt sich die Bibel aus, aber es ist plausibel anzunehmen, dass sie ihre ursprüngliche Heimat nicht verlassen mussten. Mit diesem Gedanken befinden wir uns in außerordentlich guter Gesellschaft. Der große Theologe Thomas von Aquin, sagt über die Tiere, dass ihnen eine größere „Gottunmittelbarkeit“ zukomme, da sie im Gegensatz zum Menschen unmittelbar von Gott bewegt werden. Versuchen wir, diese Signatur zu übersetzen.

1. Leben in der Gegenwart

Das bewusste Leben des Menschen in und mit dem Faktor Zeit stellt evolutionsbiologisch den Beginn allen Kulturschaffen und aller Religiosität dar. Erst der planende Blick nach vorn: voller Hoffnung auf das nächste Frühjahr oder großer Not auf die Zeit nach dem Tod macht den Menschen zum Menschen.
Das Tier fragt nicht nach morgen und erinnert so – ebenso wie das Kind – an die tiefe Sehnsucht, doch ganz im Augenblick leben zu können.

2. Leben in der Wahrnehmung

All unser Tun verdankt sich dem Dreischritt: Wahrnehmen – Denken – Handeln. Auch hier kam es im Laufe der Zeit zu einer Akzentverschiebung: Es ist das aufdämmernde Bewusstsein, in dem mehr und mehr denkerische Leistungen wie Abstraktion und Systematisierung das menschliche Leben bestimmen. Es besteht kein Zweifel, dass das hoch entwickelte Denkvermögen für den Erfolg des modernen Menschen maßgeblich verantwortlich ist. Zugleich stellt es ein Hindernis dar, nämlich dann, wenn es um die unmittelbare Wahrnehmung der Wirklichkeit geht. Während wir Menschen nur zu oft von unserem Intellekt und unseren Vorstellungen her die Welt deuten, zeichnet das Leben der Tiere das Verbleiben in der Wahrnehmung aus – eine Existenzweise also, um die sich Mystik aller Religionen ständig bemüht.

3. Beheimatet-Sein

„Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis“ (Jes 1,3). Die Fragen: Wer bin ich und wohin gehöre ich? sind dem Tier fremd; sie sind Folgen des Bewusstseins, sich in Distanz zur Welt und zu sich selbst zu befinden. Auch hier gilt, dass der evolutive Vorteil ein Handicap nach sich zieht.
Eingebunden zu sein in einen größeren Sinnzusammenhang und von der Erkenntnis erfüllt zu sein, den eigenen Ort bei Gott und somit in der Welt zu haben, gehört in den Grundbestand der menschlichen Sehnsucht. Schon Jesaja sah die Erfüllung dieser Sehnsucht in Ochs und Esel verkörpert; spätere Künstler setzten jene beiden an die Weihnachtskrippe, wohl wissend, dass ihnen ein unverzichtbarer Platz innerhalb des Mysteriums von der Menschwerdung Gottes zukommt.

Vom animal zur anima

Erst seit dem 16 Jahrhundert wird das Wort „animalisch“ mit „fremd“ identifiziert; ursprünglich gehört „animal“ (das Tier) zu „anima“ (Atem, Seele). In heutigen Diskussionen ist das Argument, die Tiere hätten im Gegensatz zum Menschen ja keine Seele, eines der meist formulierten, und es wird gerade von denen vertreten, die sich als ChristInen verstehen. Wie ist es möglich, dass die biblische Wertschätzung für die Tiere, die bis in die sprachliche Verwandtschaft von Seele und Tier gereicht hat, verloren gegangen ist?
Die Denkgeschichte hat im 15./16. Jahrhundert eine große Veränderung erfahren. In einer Zeit, in der das Selbstverständliche nicht mehr trug (Kopernikanische Wende, Reformation und Religionskriege …) stand die Frage nach dem Menschen, was ihn ausmacht und seiner Rolle im Gesamt des Lebendigen neu zur Disposition. Durchgesetzt hat sich der rationalistische Ansatz des Rene´ Descartes, wonach allein das Denken sicher ist: „Ich denke also bin ich“ (cogito ergo sum).
Da Tiere seiner Ansicht nach nicht denken können, sind sie lediglich „seelenlose Automaten“. Sowohl die Geschichte der Tiere als auch dessen, was uns Menschen beseelt, nahm hier eine fatale Wende. Vom Denken über Gott, dem „Liebhaber des Lebens“, ganz zu schweigen … Wir würden heute nicht nur anders denken und glauben, sondern uns auch der Natur gegenüber grundsätzlich anders verhalten, wäre das europäische Denken Descartes nicht gefolgt. Und dieser hätte sicher anders gedacht, wenn er einerseits das biblische Tier – und Menschenbild gekannt, und andererseits Kenntnisse über die enormen Denk – und Gefühlsleistungen der Tiere gehabt hätte.

Der Kluge Hans

war ein Pferd, das Anfang des vergangenen Jahrhunderts Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat. Sein Besitzer, der Schausteller W. van Osten, zog mit dem Wundertier umher, denn es konnte rechnen: Wenn jemand dem Tier beispielsweise zurief: Wie viel ist 7+9?, stampfte Hans 16 mal mit dem Huf. Erst der Psychologe O. Pfungst fand heraus, dass das Tier auf völlig unbeabsichtigte Bewegungen seines Besitzers oder des Publikums reagierte, etwa auf eine geringe unabsichtliche Entspannung oder ein leichtes Ausatmen zu dem Zeitpunkt als Hans bis 16 gezählt hatte.
Das Pferd war so feinfühlig, dass ihm allein schon geringe Bewegungen der Augenbrauen oder eine Erweiterung der Nasenflügel ausgereicht haben, um die richtige Antwort zu finden. Aber anstatt diese unglaublichen sinnlichen Fähigkeiten zu erkennen und wert zu schätzen, endete die Karriere des eben doch „dummen“ Pferdes beim Pferdemetzger.
Die moderne Verhaltensbiologie ist inzwischen aus dem Schatten Descartes herausgetreten und belegt, dass Tiere über emotionale, soziale und ökologische Intelligenz verfügen. Damit geht sie mit Erkenntnissen der neueren Hirnforschung einher. Diese zeigen, dass Emotionalität und nicht Rationalität die Grundlage für angemessenes Verhalten ist.
Der Neurobiologe A. Damasio erzählt in seinem Buch „Ich fühle also bin ich“ von hirngeschädigten PatientInnen. Alle, deren Gefühlszentrum, das limbische System, beschädigt ist, handeln nicht mehr vernünftig.
Damit stellt der den leitenden Grundsatz der Neuzeit, wonach der Mensch sich besser nicht von seinen Gefühlen, sondern von seinem Denken leiten lassen soll, auf den Kopf (oder besser: wieder auf die Beine).

Unsere nächsten Verwandten

Bis in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wussten wir über wildlebende Schimpansen zu gut wie nichts. Jane Goodall ist die Frau, der wir die grundlegenden Erkenntnisse über unsere haarigen Vettern verdanken. In ihrer über zwanzigjährigen Beobachtungsarbeit hat sie ein komplexes Bild jener Tiere gezeichnet, in dem sie als Mitgeschöpfe vor uns stehen, die uns in allem (auch beängstigend) nahe stehen: Das gesamte Verhaltens – und Gefühlsrepertoire wird sichtbar; denn Schimpansen sind nicht nur geschickte Werkzeugmacherinnen, fürsorgliche Eltern und eifersüchtige Liebhaber, sondern auch mordgierige Kriegsführer.
Jane Goodall, heute UNO-Friedensbotschafterin, 17 fache Ehrendoktorin und Inhaberin vieler Ehrentitel und anerkannte Verhaltensbiologin, wurde zu Beginn ihrer Arbeit scharf kritisiert, weil sie unbekümmert Worte wie Kindheit, Jugend, Motivation, Erregung und Stimmung verwendete. Ein noch grässlicheres Verbrechen bestand darin, dass sie selbstverständlich Schimpansen eine Persönlichkeit zusprach.
Heute wissen wir, dass Schimpansen sich tatsächlich im Spiegel erkennen und sich in andere hineinversetzen können. Der Sprung zum homo sapiens ist nicht mehr weit – es kann sein, dass uns letztlich nur die Transzendenzfähigkeit vom Tier unterscheidet: der Mensch – der betende Affe …

Und noch einmal ins Paradies

Thomas von Aquin fragt, „ ob Adam im Unschuldzustand über die Tiere herrschte“ und kommt zum Schluss, dass er diese weder zur Ernährung, Bekleidung oder Fortbewegung brauchte, sondern um sich ein „Erfahrungswissen über ihre Naturen“ anzueignen – das sei damit gemeint, dass er ihnen Namen geben solle.
Der erste Mensch soll im Blick auf die Vielfalt des tierlichen Lebens seine eigene animalische Seite erkennen, mit ihr vertrauensvoll umgehen, um dann reif und wach für das wahre Du seiner Eva zu sein.
Laut biblischer Anthropologie steht der Mensch zwischen Tier und Engel. Erinnert erstes an seine Beheimatung in Gottes Unmittelbarkeit, ermutigt letzterer an die Verantwortung, die ihn letztlich vom Tier unterscheidet.

Ochs und Esel an der Krippe

Wie gut, dass die beiden ihren festen Platz an der Krippe haben! Erinnern sie doch daran, dass Weihnachten das Friedensfest der ganzen Schöpfung ist, und diese besteht nicht primär aus „Sonne, Mond und Sternen“, sondern aus leibhaftigen, fühlenden Mitgeschöpfen, von denen wir leben und deren Lebensräume mehr und mehr auf dem Spiel stehen.
Und wenn Markus dem Auferstandenen als Vermächtnis das Wort in den Mund legt: „Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15), dann meint das sicher nicht, sie zu „bepredigen“, sondern sie im Rahmen einer lebendigen Spiritualität und innerhalb eines verantwortlichen christlichen Lebensstils wert zu schätzen und zu würdigen.




Zum Autor:

Rainer Hagencord, Dr. theol., geboren 1961 in Ahlen und Priester des Bistums Münster, ist Gründer des Institutes für theologische Zoologie


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Dr. Rainer Hagencord