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1. Franz von Assisi und die Tiere.

Newsletter 06b

Lesen Sie heute nun den zweiten Teil der Zusammenschau der Vorlesungsreihe:

1. Franz von Assisi und die Tiere.
Ein mentalitätsgeschichtlicher Sprung von bleibender Bedeutung.


Pater Dr. Anton Rotzetter ist als Experte für franziskanische Spiritualität über eine vielfältige schriftstellerische Tätigkeit und Auftritte in den Medien auch über die Grenzen der Schweiz hinaus einem breitem Publikum bekannt. Zusammen mit Dr. Rainer Hagencord ist er Mitbegründer des Institutes für Theologische Zoologie.




Pater Dr. Anton Rotzetter

„Von jeher ist es die Eigenart des Menschen, alles aus seiner Sicht zu betrachten,“ so Rotzetter. „Alle Welt muss dem Menschen entsprechen, an ihm gemessen werden, mit seinen Augen angeschaut werden. Das gilt auch für das Tier: wir sehen in ihm typisch Menschliches. Wir können uns finden, wenn wir Tieren begegnen. Bei Franziskus wird zum ersten Mal das Tier ganz bewusst als Partner, als ernstzunehmender Bruder, als geliebte Schwester angesprochen.“

Sechs Perspektiven auf das Tier stellte P. Rotzetter vor, die sich aus den Schriften von und um den Heiligen aus Assisi herausarbeiten lassen.
1. Das Tier als Spiegel und Statussymbol: In dieser Sichtweise wird über das Tier an sich nichts ausgesagt, es dient als Metapher für menschliches Verhalten, etwa bei der Geschichte vom Wolf von Gubbio, oder der „Wurmmetapher“ über die Endlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen. „Diese Art der Beschreibung gehört zur poetischen Ausdruckskraft aller Zeiten,“ so der Kapuzinerpater.
2. Das Tier als Subjekt: Das Tierbesitzverbot: In der Nichtbullierten Regel der Minderbrüder wird ihnen das Halten von Tieren streng untersagt. Auch sind viele Geschichten überliefert, in denen Franz Tiere aus ihrer Gefangenschaft befreit und sie in die Freiheit entlässt. Dies geschieht zeichenhaft gegen den allgemeinen Aneignungswillen, der biblisch als Sünde betrachtet wird.
„Auch Tiere sind also dem Aneignungswillen der Brüder entzogen. Für Franziskus sind sie zudem eigenständige Wesen, die es zu beachten gilt. Er nennt sie deshalb Brüder und Schwestern. Er verhält sich personal zu ihnen, pflegt gegenseitige Beziehungen, hält sie für kultfähig und gottunmittelbar.“
3. Das Tier als Konsumgut: So ergäbe sich daher nach heutiger Logik, dass das Tier als eigenständiges Wesen nicht für den Konsum zur Verfügung stehe. „Für diese Logik darf freilich Franziskus nicht vereinnahmt werden. In seinen Regeln postuliert er die evangelische Freiheit (Lk 10,3), alles, was man vorgesetzt bekommt (also auch Fleisch) essen zu dürfen. Zu bedenken ist, dass die Brüder als Bettler das Essen oft von Haus zu Haus erbitten mussten. Sie konnten nicht wählerisch sein, um nicht sich selbst in ihrer gewollten Armut zu widersprechen.“ Eine konsumistische Haltung jedoch widerspräche der Würde des Tieres in seiner Subjekthaftigkeit und Gottunmittelbarkeit. „Man kann sich darum angesichts der heutigen industriellen Fleischproduktion durchaus vorstellen, dass Franziskus heute ein entschiedener Vegetarier wäre. Denn die beiden Aspekte des Tieres, die für ihn wichtig waren, sind unter den heutigen Bedingungen der Tierhaltung und der industriellen Fleischproduktion weitgehend verloren gegangen.“
4. Das Tier als gottunmittelbares Wesen: Die nichtmenschliche Kreatur stellt sich für Franziskus kultfähig dar, weil sie in ihrem Wesen nicht durch die Sünde korrumpiert ist. In den Ermahnungen (Erm 5) heißt es: „Alle Geschöpfe, die unter dem Himmel sind, dienen ihrem Schöpfer, erkennen ihn und gehorchen ihm ihrem Wesen nach besser als du“.
5. Das Tier als Bedeutungsträger: die sakramentale Metapher: Eine „ontologische Dichte“ in der Rede von bestimmten Tieren weist P. Rotzetter bei Franziskus nach: So haben in der „sakramentalen Metapher“ das Bezeichnende (ein Lamm, ein Wurm) an der Hoheit und Würde des Bezeichneten (Christus) teil. „In der Glaubensperspektive vergegenwärtigt ein Lamm, ein Wurm, das Christusgeheimnis dermaßen, dass man diesen Tieren nicht mehr abschätzig oder gleichgültig gegenüber stehen kann. Sie müssen in besonderer Weise beschützt und gewürdigt werden.“
6. Das Tier im ethischen Bezugssystem: Tiefere Einblicke in franziskanische Ethik und Semantik offenbart, dass hier das Tier zum Offenbarungsträger wird, gewissermaßen zu einem „Ort, an dem Gott aufscheinen und sein Wille erkannt werden kann,“ wie Rotzetter seine Untersuchung des franziskanischen Tugendkataloges abschliesst. Dies sei ein mentalitätsgeschichtlicher Sprung: „Das Tier ist ein Wesen, dem sich Franziskus in echter Geschwisterlichkeit verbunden weiss. Dies haben bereits die Biographen des 13. Jahrhunderst gemerkt, die in eindrücklichen theologischen Grundsatzerwägungen zum Tierverhalten des Franziskus dieses Neue herausstellen. Sie stellen dieses in einen eschatologischen Horizont: so sollte es sein, so ist es für Zeit und Ewigkeit.“

2. Tiere des Himmels

Tiere in islamischer und jüdisch-christlicher Tradition - Eine Lesung.

Unter der Schirmherrschaft des Generalkonsuls der Türkei haben die Berliner Buchautorin Kathleen Göbel und Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter aus Lübeck gemeinsam interkulturelle Perspektiven zu dem Thema vorgestellt. 

Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter

Frau Bischöfin i.R. Wartenberg-Potter, Kuratoriumsvorsitzende des Institutes für Theologische Zoologie, ist die Wertschätzung der Tiere und eine Neubesinnung über die Rolle des Menschen ein wichtiges Anliegen. Sie stellte Texte aus der jüdisch-christlichen Tradition vor und erläuterte diese.
In der Überwindung des ausschließlichen Anthropozentrismus in der Theologie sieht die Bischöfin eine der gegenwärtigen Aufgaben der Kirchen. Dabei geht es ihr um die Tiere, aber vor allem um die Bewahrung des Lebensraumes von Mensch und Tier auf dem Planeten Erde.
Der Schöpfungsauftrag habe zwei Gesichter: Nach Frau Wartenberg-Potter ist es höchste Zeit die andere Seite der Verfügungsmacht des Menschen über die Tiere in den Vordergrund zu stellen. Diese Seite von „Macht euch die Erde untertan“, sieht sie in der Verantwortung für die Mitgeschöpfe. „Wir Menschen haben uns die Dominanz-Seite des Auftrags angeeignet, aber Fürsorge und Achtsamkeit gegenüber unserer belebten Umwelt vernachlässigt, deshalb ist es dringend not- wendig dies auch theologisch zu untermauern“, sagte Warten- berg-Potter. Über den interreligiösen Blick auf das Tier befragt, sagte sie: „Der Schutz des Lebendigen ist das verbindende Element zwischen den Religionen und der Grund für unser Engagement.“

Frau Kathleen Göbel, Expertin für Orientalistik und Turkologie, hat an diesem Abend Gedankengänge aus der mystischen orientalischen Tradition vorgestellt. In dieser Sichtweise geht man davon aus, dass selbst den leblosen Dingen eine Seele innewohnt, - zu Gottes Ruhm. Die gesamte Natur wird so zum Zeugnis von Gottes Macht, Weisheit und Güte. Frau Kathleen Göbel bezeichnet sich selbst als „Brückenbauerin“ zwischen dem islamischen und christlichen Kulturkreis. Mit dieser Arbeit ist sie nun bereits seit über dreißig Jahren intensiv und aus Überzeugung beschäftigt. Ihrer Meinung nach führt der Weg zu Toleranz und zum Verstehen dabei über das Kennenlernen. Gerade die Betrachtung der Rolle des Tieres und die islamische Einstellung zum Tier bietet da laut Göbel viele Ansatzpunkte. Sie präsentierte an diesem Abend ausgesuchte Koranstellen und machte das Publikum auch mit Korankommentatoren vertraut.

Kathleen Göbel, Expertin für Orientalistik und Turkologie

Die Lesung war eingerahmt durch musikalische Begleitung, abwechselnd wurden aus der Bibel als auch aus dem Koran markante Stellen gelesen, in denen die Rolle des Menschen im Umgang mit den Tieren näher beleuchtet wurde.

Der türkische Religionsattaché Suat Altunkus fasste die islamische Sicht der artgerechten und liebevollen Behandlung von Tieren in folgenden Punkten zusammen: Erstens:
Der Islam verlangt, dass Haustiere oder Nutztiere mit frischem Wasser, ausreichend Futter und einem Platz zum Leben versorgt werden. Einmal kam der Prophet, an einem vor Hunger abgemagerten Kamel vorbei und sagte: “Fürchtet Gott in Bezug auf diese Tiere, die ihren Willen nicht aussprechen können. Wenn ihr sie reitet, sorgen sie dafür, dass sie genug stark sind und wenn ihr sie essen wollt, dann behandelt sie so, dass sie erst wieder gesund sind.”
Zweitens: Ein Tier soll nicht geschlagen oder gequält werden. Einmal kam der Prophet der Gnade an einem Tier vorbei, das im Gesicht gebrandmarkt war. Er sagte: „Hat es dich nicht erreicht, dass ich denjenigen verflucht habe, der ein Tier im Gesicht brandmarkt oder es ins Gesicht schlägt?.“ Der gnädige Prophet wies seine Frau an, das widersetzliche Kamel, das sie ritt, freundlich zu behandeln. Tiere zur Unterhaltung gegen einander kämpfen zu lassen, hat der Prophet ebenso verboten.
Drittens: Der Islam verbietet, Tiere oder Vögel beim Schießen als Zielscheibe zu benutzen. Einer der Gefährten des Propheten Muhammad, sah ein paar Leute, die mit einem Hahn als Ziel Schießen übten, da sagte er: “Der Prophet verfluchte jeden, der (zum Üben) ein lebendes Wesen zur Zielscheibe nimmt.”
Viertens: Küken und junge Tiere von ihren Müttern zu trennen, ist im Islam auch nicht erlaubt.
Fünftens: Es ist verboten, ein Tier zu verstümmeln, indem man seine Ohren, den Schwanz oder andere Körperteile ohne vernünftigen Grund schneidet. Sechstens: Ein krankes Tier sollte ordentlich behandelt werden.

Religionsattaché Suat Altunkus
Gruppenfoto

3. Kant und die Tiere

Probleme des Mensch-Tier-Verhältnisses in der Moderne.

Immanuel Kant (1724 - 1804), der „Alleszermalmer“ der Metaphysik, gilt als der Begründer der autonomen Ethik. Mit ihm erreicht das aufklärerische Denken des 18. Jahrhunderts seinen Höhepunkt.

Prof. Dr. Hans-Gerd Janßen, seit 1996 Professor für Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Kapuziner in Münster/Westfalen, deren Hochschulsekretär er ist, stellte Kants Denken vor und führte vor Augen, dass Kant nicht als ein Vertreter eines szientistisch-naturalistischen Weltbildes missverstanden werden darf. Zur Untermauerung einer Herrschaftsvernunft des Menschen, der die Natur nicht achtet, diene sein Denken nicht. Es sei vielmehr nötig, die unterschiedlichen Argumentationsebenen Kants genau zu beachten. Die Äußerungen des Philosophen zum Mensch-Tier-Verhältnis seien im Allgemeinen wenig bekannt.

Dr. Hans-Gerd Janßen

Prof. Janßen stellte zunächst den mentalitätsgeschichtlichen Kontext her, in dem Kants Leben und Wirken stattfand. Das vorhergehende Mittelalter sah das Tier auf dem dienenden Platz in der Schöpfungsordnung, zur Belustigung gab es zahlreiche Traditionen, die aus Tierquälereien bestanden. Es diente ebenso als Zeichen für Status und Besitz. Zugleich wurde seit dem 13 Jh. von weltlichen und geistlichen Gerichten dem Tier eine eigenverantwortliche Rechtspersönlichkeit zugestanden, jedoch ausschließlich dann, wenn sie Menschen geschadet hatten. Der Tierschutzgedanke kommt erst im Zeitalter der Naturromantik des 19. Jh. auf, was bereits einen allgemeinen mentalitätshistorischen Wandel anzeigte (vgl. Kühnel/Sieferle: Natur/Umwelt. Mittelalter, in: P. Dinzelbacher (Hg): Europäische Mentalitätsgeschichte. Stuttgart 1993, 562-591).

Prof. Janßen ordnet Kant zwischen beide Epochen ein. Seine Leistung bestehe darin, die Begründung und Begrenzung wissenschaftlicher Erkenntnis herausgearbeitet zu haben: Die Dinge an sich können nicht wahrgenommen werden. Der Mensch nimmt lediglich die Erscheinungen wahr, die durch seine Anschauungsformen von Raum und Zeit geprägt sind, und erst solcherart unter die Bedingungen exakt-wissenschaftlicher Vernunft gebracht und damit erforschbar werden. Hierin liegt auch die Zurückweisung der Gottesbeweise durch Kant begründet: Gott würde damit verobjektiviert werden zu einem Faktor, der neben anderen Objekten besteht, und welcher der menschlichen Vernunft verfügbar würde. Damit hat Kant jeglichen Rekurs auf Metaphysik einen Riegel vorgeschoben und die wissenschaftliche Erkenntnis auf den Bereich dessen „was ist“ verwiesen. „Neben der Perspektive wissenschaftlicher Erkenntnis ist aber auch noch eine andere sinnvoll und notwendig, von der aus die Welt vom Standpunkt der sittlichen Handlung betrachtet wird,“ so Janßen. Dieses „Sollen“ ergibt sich nach Kant für jeden Menschen aus seiner autonomen Vernunft, unabhängig von empirischen Bestimmungen. „Somit erweist die Autonomie der Vernunft die Wirklichkeit der Freiheit.“ Eine Freiheit, die jedem Menschen gegeben ist, und damit auffordert zur gegenseitigen Anerkennung und Achtung: Jeder Mensch ist Zweck an sich selbst, hat Würde. Kant entwickelt von hier aus die Frage nach der Verwirklichung gesamtmenschlicher Freiheit in der Erscheinungswelt. Das Ziel ist der Zustand der Gerechtigkeit, Freiheit und des Friedens in einer humanen Welt.

Und die Tiere? Kant denke ohne Zweifel anthropozentrisch, so Janßen. Jedoch erwachse aus der Pflicht des Menschen zu gegenseitiger Achtung indirekt auch eine Pflicht zur tiergemäßen Haltung: „In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst [...] entgegengesetzt, weil dadurch eine der Moralität [...] sehr diensame und natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird. Selbst die Dankbarkeit für lange geleistete Dienste eines alten Pferdes oder Hundes [...] gehört indirekt zur Pflicht des Menschen, nämlich in Ansehung dieser Tiere, direkt aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht des Menschen gegen sich selbst.“ (Metaphysik der Sitten) Von hier aus erklärt sich weshalb es auch nur der Mensch sein kann, der sich für den Schutz der Tiere einsetzen kann: In der Sphäre des Rechtes, welche kategorial verschieden ist von der Sphäre der Moralität!
Nicht die Tiere - wie im Mittelalter - sind die eigenverantwortlichen Rechtspersönlichkeiten, - es sind die Menschen. Somit kann es bei Kant, obwohl er die Tiere rechtlich zu den Sachen zählt, auch eine moralische Pflicht des Menschen gegenüber Tieren geben. So schließt Janßen: „Für ihre Rechte kann nur einer eintreten: der Mensch selbst.“


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