FITZ




 
 

Bärbel Wartenberg-Potter Bischöfin i.R., Lübeck

Weihnachtsansprache bei der Weihnacht für Alleinstehende, Obdachlose und im Lübecker Gefängnis (24. Dezember 2009)

Tit 3,4-7
Da aber erschien unsere Rettung, die göttliche Freundlichkeit und Menschenliebe.

Sie hat uns aus dieser Verstrickung gerettet,

keineswegs aufgrund gerechter Taten, die wir vollbracht hätten,

sondern allein, weil Gott Mitgefühl mit uns hatte.

So hat Gott uns gerettet durch das Bad,

in dem wir noch einmal geboren und neu geschaffen werden

durch die heilige Geistkraft. Diese hat Gott reichlich über uns ausgegossen

durch die Vermittlung Jesu, des Christos, unseres Retters,

damit wir, durch dieses Geschenk gerechtfertigt,

Anteil an der Hoffnung auf das ewige Leben erhielten.

Liebe Weihnachtsgemeinde!

Ja bist du denn noch zu retten?“, sagte meine Mutter zu mir, als ich mein ganzes erspartes Geld für ein einziges Weihnachtsgeschenk ausgegeben hatte, nämlich für das, das ich ihr schenken wollte, eine schöne kostbare Kaffekanne, aus feinem Porzellan. Alle anderen, Vater, Schwestern, Freundinnen mussten sich mit einem gebastelten Stern zufrieden geben oder leer ausgehen. „Bist du denn noch zu retten?“

Sicher hat das auch schon einmal jemand zu Ihnen gesagt, wenn man eine Dummheiten, eine einfache, gutmütige oder auch schlimme und unverzeihliche Dummheit begangen hat und Menschen, die uns nahe stehen, nichts anderes bleibt als dieser Satz: „Bist du denn noch zu retten?“ Eine Antwort kann man auf diese Frage kaum geben.

Seid ihr denn noch zu retten? Das haben sich viele Menschen in der ganzen Welt gefragt, als unsere Politikerinnen und Politiker mit fast leeren Händen aus Kopenhagen vom Weltklimagipfel zurückkamen. Im Blick auf die Klimakatastrophe befinden wir uns wenige Minuten vor Zwölf, manche meinen sogar schon nach Zwölf, was den Wandel des Klimas auf dem Planeten Erde betrifft. Ob die Eisbären am Nord und Südpol sich noch übers Eis trauen können, ob vielleicht nicht nur die Inseln im Pazifischen Ozean, sondern Städte wie Amsterdam, Hamburg und vielleicht sogar Lübeck in 20 – 30 Jahren unter dem Meeresspiegel liegen werden, weil das Schmelzen der Eiskappen den Wasserspiegel überall steigen lässt. Seid ihr denn noch zu retten? Kurzsíchtig sind wir, sehen nicht über die eigene Nase hinaus, viele sind auch noch immer nicht informiert oder verweigern sich, anzuerkennen, dass sich auf unsere Erde eine Riesenkatastrophe angebahnt hat. Ja sind wir noch zu retten? Und statt uns allen Mut zu machen und darauf einzuschwören, dass wir weniger verbrauchen, weniger Rohstoffe, Eröl, Erdgas, weniger Energie, weniger Konsumgüter, weniger Mobilität, und das Geld in eine Zukunft zu investieren für unsere Kinder, in neue Energien, in einfachere Lebensmittel und ein genügsameres Leben, das uns retten kann, werden wir zu noch mehr Konsum und Wachstum angefeuert durch Wachstumsbeschleunigung und das von ganz oben, von unserer eigenen Regierung. Ja, sind die denn noch zu retten? möchte man rufen? Löschen die den Brand mit Benzin, mit Brandbeschleuniger, mit Wachstumsbeschleuniger? Allein das Wort „weniger“ kann uns noch retten. Das jedenfalls glaube ich. Das braucht man allerding zu Menschen mit wenig Geld nicht zu sagen, sondern zu den anderen.

Weihnachten 2009: Da wird nun vollmundig in den Kirchen und Weihnachtsfeiern von einem Retter (sotèr) erzählt, einem Kind, das vor 2000 Jahren in einem Stall geboren wurde. Was rettet es denn, dieses Kind? Und wie macht es denn das? Kann es denn heute noch etwas retten? Mich, mit meinem Leben? Die Welt in ihrem katastrophalen Zustand?

In dieser dunklen Jahreszeit kommen oft gerade die dunklen Seiten in uns Menschen am deutlichsten zutage. Wie oft ist unser Herz eine Mördergrube mit all verzweifelten und schlimmen Gedanken, die wir darin bewegen, unserer Mutlosigkeit, Rachsucht, unserem Hass und man fragt sich: Kann aus dieser Mördergrube je wieder ein Herz werden?

Wenn wir in diesen Tagen morgens wach werden, spüren wir es noch nicht, aber wir wissen: am 22. Dezember war die längste Nacht und der kürzeste Tag. Ab jetzt kommt wieder mehr Licht in die Tage, jeden Tag ein wenig mehr, kaum spürbar, aber wir können uns darauf verlassen. Die Natur tröstet uns. Sie macht es uns vor und ermutigt uns: Auch in Dir, Mensch, Menschheit kann noch einmal wieder Licht kommen.

Denn Euch ist heute ein Retter geboren, sagt die Weihnachtsgeschichte.

Aus dem Dunkel der Weihnachtsnacht rücken zwei Dinge ins Licht.

Die Krippe. Machen wir uns nichts vor. Das waren arme, ärmste Leute, Maria und Joseph, die kein Geld hatten für eine bequeme Unterkunft für die schwangere Frau. Die Krippe ist gerade mal ein wenig besser als Platte machen im Freien. Heute wäre es vielleicht ein leeres Autohaus. Oder eine alte Garage. Es gibt keinen Zweifel: Gott schickt sein Kind zu den armen Leuten, mutet ihm Armut von Anfang an zu. Nicht, weil da irgendetwas Romantisches dran wäre wie das in vielen Weihnachtskrippenfiguren zum Vorschein kommt. Nein. Die Botschaft heisst. Gott kommt unter ärmsten Bedingungen zur Welt, weil Gott es nicht besser haben will als viele, die unter Brücken, in Notunterkünften oder auch einer Gefängniszelle leben müssen. Wir denken auch an die vielen Flüchtlinge und Slumbewohner auf der ganzen Welt.

In der Karibik wird heute noch erzählt, dass der erste Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine im 18.Jahrhundert, als er sich auf seine Ausreise nach der Insel St. Thomas vorbereitete, - dort wurden noch Sklaven gehalten, und einen Gefährten suchte, der mitging, schrieb er an die Brüdergemeine: „Wenn die Dänen (die damaligen Kolonialherren) uns nicht anders einreisen lassen, bin ich bereit, als Sklave mit den anderen Sklaven dort zu leben und zu arbeiten“.

 

Das sagt auch die Krippe. Sie ist ein Beweis, dass Gott wirklich die Menschen in ihren ärmsten Lebensumständen im Blick hat und retten will, und deshalb einer von ihnen wird.

Das Jesuskind, das in der Krippe liegt, richtet seine Augen auf uns und sagt: Ich sehe Dich! Genau Dich!


Neben der Krippe sind da die Tiere: Der Stall ist eigentlich ihr Zuhause.

Ich stelle mir vor: Die Tiere blicken das Kind an. Aber das Kind blickt auch die Tiere an mit seinem göttlichen Blick. Und damit tut es mehr als wir oft tun. Nämlich das Kind sieht, dass auch die Tiere eine Seele haben. Vielleicht eine kleine, weniger entwickelte als wir. Das Kind sieht vielleicht mehr als wir, nämlich dass die Tiere auch von Gott geschaffen sind. Dass sie heute in den Käfigen der Massentierhaltung aufs übelste zugerichtet werden, zu Fleischlieferanten degradiert. Der große Theologe des Mittelalter Thomas von Aquin hat gesagt: „Ein Irrtum über die Geschöpfe mündet in ein falsches Wissen über Gott und führt den Geist des Menschen von Gott fort.“

So macht uns die Weihnachtsgeschichte darauf aufmerksam, dass das Jesuskind nicht nur uns, sondern auch die Tiere anblickt und sagt auch zu den Tieren: Ich sehe Dich.


Letzte Woche war ich in einem Zoo bei den Elefanten. Ein Mann aus Grönland, ein Eskimo war dort zu Besuch. Die Elefanten liefen herum und suchten sich Äpfel, die der Wärter hineingeworfen hatte. Da begann der Eskimo Mann ein Grönländisches Lied zu singen, es waren eigentlich nur tief hallende Töne, eine Tönekette flog durch das Elefantenhaus. Da kamen die vier Elefanten plötzlich herbei, stellen sich gegenüber zum Eskimomann auf. Sie legten ihre Rüssel- es sah wie zärtlich aus- aufeinander, streichelten sich gegenseitig, sie waren ganz beieinander und der älteste Elefant antwortete dem Eskimomann mit einem tiefen Ton. Sie standen so nah verbunden beisammen, bis der Eskimomann aufhörte zu singen. Es war so etwas wie ein heiliger Augenblick.

Der Eskimo - Mann erklärte uns hinterher, man müsse den Tieren in die Augen schauen und ihnen nahe kommen. Dann fassen sie Vertrauen und verbinden sich mit dem Menschen, der sie ruft.

Ich war sehr bewegt und erregt, als ich das erlebte. Und ich verstand, dass auch wir, wenn wir auf diesem Planeten Erde weiterleben wollen, anders mit den Tieren umgehen müssen. Denn unsere menschliche Seele braucht die Tiere mehr als sie uns. Die Tiere gehören zur Weihnacht und zum gerechten Leben. Und die Weihnacht zeigt uns, dass die Tiere zu uns gehören, dass auch sie Gottes Geschöpfe sind und dass sie Vertrauen in uns Menschen fassen können. Denn das Jesuskind sieht auch die Tiere an.


Was ist nun mit dem Retter? Wieso kann uns dieses uns anblickende Kind retten?

Dieses Kind, das in einer Krippe liegt und die Tiere sieht, bringt Licht in die Finsternis unserer menschlichen Bosheit. Ein Stern ist aufgegangen. Es macht die Nacht unserer Seele hell. Es heilt den inneren Menschen ebenso wie den äußeren an Leib und Seele, unsere verkümmerten Seelen. Es beweist uns, dass auch in unseren finsteren Mördergrubeherzen wieder Licht wohnen kann: Später wird es die Menschen die einfachen Sätze lehren, die uns retten werden: Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern Böses mit Gutem. Dann wird die Welt gut. Man kann mit anderen Menschen teilen, dann bleibt die Erde bewohnbar. Man soll die Geschöpfe und die Pflanzen, die Bäume achten, dann werden wir Luft zum Atmen haben und Wasser zum trinken haben.

Gott verspricht, durch dieses Kind unsere Herzen zu heilen.


Wenn wir in diesen Tagen morgens wach werden, spüren wir vielleicht, dass es auch in unseren Herzen hell werden kann wie in der Natur, jeden Tag ein wenig mehr, kaum spürbar, Aber wir können uns darauf verlassen. Auch in Dir, Mensch, Menschheit kann noch einmal wieder Licht aufscheinen, ein neues, anderes Leben anfangen.


Und dann gilt der Satz: Jawohl, wir sind noch zu retten! Gottes Kraft ist in uns mächtig.

Der Retter kommt nicht wie Superman, sondern wie ein Kind, das uns berührt und andere Menschen aus uns macht, gewaltlose, teilende, achtsame Menschen. Menschen deren Herz keine Mördergrube mehr ist, sondern eine Krippe für ein Kind. Das Krippenkind steht in der Weihnachtsnacht und ruft uns, wie der Eskimomann die Elefanten im Elefantenhaus, mit dem Herzton des Lebens. Auch die dicksten menschlichen Dickhäuter können eine zarte und empfindsame Seele haben. Der Ton des Krippenkindes erinnert uns, dass wir einen göttlichen Ursprung haben. Selbst in der Armut. Selbst im Gefängnis. Wir stehen an der Krippe bei den Tieren und hoffen, dass das Kind uns rettet. Amen

Hinweis

Unter dem Stichwort „Think Tank Theologische Zoologie“ trifft sich circa einmal im Monat eine Gruppe Studierender, Promovierender und Interessierter, um sich über aktuelle Forschungsthemen Ihrer eigenen Arbeit auszutauschen. Angedacht ist, dass jeweils ein bis zwei Forschungsprojekte aus dem Kontext der theologischen Zoologie vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Ziel ist hierbei – neben einer wissenschaftlichen Vernetzung – eigene Fragestellungen in einer scientific community zu debattieren und Anregungen zur Weiterentwicklung des jeweiligen Konzeptes zu erhalten.

Kürzlich fand das konstituierende Treffen des Thank Tanks statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, die Gruppe zu bereichern. Bei Interesse nehmen Sie bitte mit Dr. Rainer Hagencord (info@theologische-zoologie.de) Kontakt auf.

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