FITZ




 
 

Osterbetrachtung 2012 von Dr. Rainer Hagencord




(Emil Nolde, der große Gärtner)

Es ist für mich eine der innigsten Ostererzählungen; sie versetzt mich in einen Garten und führt in eine sehr intime Begegnung nach Schmerz, Tod und Elend: die zwischen dem Auferstandenen und Maria Magdalena (Joh 20,1-18). Man stelle sich nur vor, sie hätte ihn doch berührt, und er wäre nicht gegangen …
Ich weiss nicht, in wie vielen Gottesdiensten ich diesen Text gehört  oder gelesen habe, einen kleinen Satz höre ich in diesem Jahr mit besonderer Freude und Bewegtheit:

„Sie meinte es sei der Gärtner“

Dass die erste Zeugin der Auferstehung ihren Jesus, dem sie im Leben so nah war wie keine andere Frau, mit einem Gärtner verwechselt; ihr ein Mensch in den Sinn kommt, der ganz und gar mit der Natur, ihrem Wachsen und Gedeihen, ihrem Blühen und Vergehen vertraut ist, elektrisiert mich fast.
Je mehr ich mit dieser – vom Evangelisten sicher nicht zufällig gesetzten - Verwechselungsgeschichte umgehe, umso mehr wirft sie ein helleres Licht auf das Osterfest und das Geheimnis der Auferstehung.

Ich lese von hier her die Gleichnisse Jesu neu und stelle fest: Nimmt man ihnen die Natur-Bilder von  Saat und Ernte, vom Rebstock und den Trauben, vom Senfkorn, den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes und den Menschen darin, so beraubt man diese Erzählungen ihres vitalen Herzens. So ist es mit dem Reich Gottes, sagt Jesus, wie mit den Lebensgeheimnissen um uns und in uns.

Wer sich innig und ganz auf das Leben einlässt, bekommt es mit Gott zu tun.

Und gerade das Frühjahr macht es geradezu leicht, an den Liebhaber des Lebens zu glauben, dessen Leidenschaft dem Tod nicht das letzte Wort gönnt .

Zu meinem Lieblingsdichter führen mich diese Gedanken; die Gedichte Rainer Maria Rilkes werden für mich immer mehr zu wahrer Offenbarungsliteratur; sie sind wie Antworten auf Kerntexte der Bibel.
Wie einen Ostertext lese ich im Stundenbuch (Vom mönchischen Leben):

Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen giebst du groß dich hin.
Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
dass sie so dienend durch die Dinge gehen:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.

Geschwisterlich möchte ich sein – mit allem, was lebt; dann erfahre ich, was Auferstehn ist, das der lieben Verstorbenen und auch mein eigenes.

In seinen Briefen kommt allerdings auch ein anderer Rilke zu Wort; ein Mahner und sehr ernster Beobachter einer christlichen Kirche, für die die Natur längst zur Kulisse verkommen ist, die den Menschen heraus nimmt aus dem Konzert des Lebendigen und zum Herrn über alles stilisiert. Seine vor gut 100 Jahren geschriebenen Gedanken möchte ich nicht kommentieren:

„Wenn ich sage: Gott, so ist das eine große, nie erlernte Überzeugung in mir. Die ganze Kreatur, kommt mir vor, sagt dieses Wort, ohne Überlegung, wenn auch oft aus tiefer Nachdenklichkeit.

Wenn dieser Christus uns dazu geholfen hat, es mit hellerer Stimme, voller, gültiger zu sagen, um so besser, aber lasst ihn doch endlich aus dem Spiel. Zwingt uns nicht immer zu dem Rückfall in die Mühe und Trübsal, die es ihn gekostet hat, uns, wie ihr sagt, zu´erlösen`.

Lasst uns endlich dieses Erlöstsein antreten. – Da wäre ja selbst das Alte Testament noch besser dran, das voller Zeigfinger ist auf Gott zu, wo man es aufschlägt, und immer fällt einer dort, wo er schwer wird, so gerade hinein in Gottes Mitte …

Und Gott steht am Ende seiner Richtung, in seinem ewigen Aufgang begriffen, in einem Osten, der nie alle wird.
Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen. Aber die Menschen hier sind wie die Hunde gewesen, die keinen Zeigefinger verstehen und meinen, sie sollten nach der Hand schnappen. Statt vom Kreuzweg aus, wo nun der Wegweiser hoch aufgerichtet war in die Nacht der Opferung hinein, statt von diesem Kreuzweg weiter zu gehen, hat sich die Christlichkeit dort angesiedelt und behauptet, dort in Christus zu wohnen, obwohl doch in ihm kein Raum war, nicht einmal für seine Mutter, und nicht für Maria Magdalena, wie in jedem Weisenden, der eine Gebärde ist und kein Aufenthalt. – Und darum wohnen sie auch nicht in Christus, die Eigensinnigen des Herzens, die ihn immer wieder herstellen und leben von der Aufrichtung der schiefen und völlig umgewehten Kreuze. Sie haben dies Gedräng auf dem Gewissen, dieses Anstehen auf der überfüllten Seite, sie tragen Schuld, dass die Wanderung nicht weitergeht in der Richtung der Kreuzarme. Sie haben aus dem Christlichen ein Metier gemacht, eine bürgerliche Beschäftigung ( …) einen abwechselnd abgelassenen und wieder angefüllten Teich. Alles, was sie selber tun, ihrer ununterdrückbaren Natur nach (soweit sie noch Lebendige sind), steht im Widerspruch mit dieser merkwürdigen Anlage, und so trüben sie ihr eigenes Gewässer und müssen es immer wieder erneun. Sie lassen sich nicht vor Eifer, das Hiesige, zu dem wir doch Lust und Vertrauen haben sollten, schlecht und wertlos zu machen, - und so liefern sie die Erde immer mehr denjenigen aus, die sich bereit finden, aus ihr, der verfehlten und verdächtigten, die doch zu Besserm nicht tauge, wenigstens einen zeitlichen, rasch ersprießlichen Vorteil zu ziehen.


Diese zunehmende Ausbeutung des Lebens, ist sie nicht eine Folge, der durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwertung des Hiesigen? Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier vor Aufgaben und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. …


O es wäre längst Zeit, dass die verarmte Erde alle jene Anleihen wieder einzöge, die man bei ihrer Seligkeit gemacht hat, um Überkünftiges damit auszustatten. ...

Der rechte Gebrauch, das ists. Das Hiesige recht in die Hand nehmen, herzlich, liebevoll, erstaunend, als unser, vorläufig, Einziges: das ist zugleich, es gewöhnlich  zu sagen, die große Gebrauchsanweisung Gottes, die meinte der heilige Franz von Assisi aufzuschreiben in seinem Lied an die Sonne, die ihm im Sterben herrlicher war als das Kreuz, das ja nur da stand, in die Sonne zu weisen.“

    (aus: Der Brief eines lesenden Arbeiters1)

Es ist doch kein Zufall, dass zu Osten eben alles gehört: die Liturgie mit den alten Texten und Ritualen, das Osterlamm, die Eier und Hasen – und der nicht nur für Goethes Faust so aufhellende Osterspaziergang. Dass wir es neu antreten: unser Erlöstsein inmitten aller Geschöpfe!

1 Aus einem sehr schönen Inseltaschenbuch: Rainer Maria Rilke, Frühling, Berlin 2012, S. 44f.

Vorankündigung

Am 07.04.2012 um 18:02 Uhr gibt es auf rbb einen Beitrag über die vegane Ernährungsweise, die Theologische Zoologie und eine muslimische Sicht auf das Geschöpf Tier:

http://www.rbb-online.de/himmelunderde/naechste_sendung/index.html



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