Neuigkeiten

Samstag, 22.09.2018

Impulse - Wahrnehmungen - Verköstigungen. Ein interreligiöses Projekt: Naturschutz als Band der Religionen

Sa 22.09.2018 // 16 – 19 Uhr // Workshop // Kapuziner Klostergarten Münster

Freitag, 29.06.2018

Ethik des Lebendigen - Vom Umgang mit Nutztieren

Fr 29.06.2018 // 18 Uhr // bis So 01.07.2018 // ca 14 Uhr // Tagung // Kloster Stift zum Heiligengrabe // Heiligengrabe

Samstag, 03.03.2018

Impulse - Wahrnehmungen - Verköstigungen. Ein interdisziplinäres Projekt: Die Synergie aus Ökologie und Spiritualität

Sa 03.03.2018 // 16 - 19 Uhr // Workshop // Kapuziner Klostergarten Münster

Mittwoch, 06.12.2017

Die Würde der Tiere - Vortrag und Symposium

Mi 06.12.2017 // 9 - 17 Uhr // Vortrag im Rahmen des Symposiums „Kulturlandschaft im Wandel – biodivers oder artenarm?" // LVR-Freilichtmuseum Lindlar

Freitag, 15.09.2017

Was die Natur uns predigt - BeSINNungstage InNatura

Fr 15.09.2017 // 16:00 Uhr bis So 17.09.2017 // 14:00 Uhr // Schnupperwochenende im Haus Mariengrund // Münster

Samstag, 09.09.2017

Impulse - Wahrnehmungen - Verköstigungen. Ein ökumenisches Projekt: Für eine ökologische Reformation.

09.09.2017 // 16 - 18 Uhr // Workshop // Kapuzinerklostergarten Münster

Eröffnungsrede Dr. Jane Goodall

Jane Goodall: Warum es Zeit ist für eine theologische Zoologie!

Zu allererst möchte ich sagen, welche Ehre es für mich ist, hier zu sein und wie erfreut ich war, als ich gefragt wurde, ob ich Schirmherrin des Institutes für Theologische Zoologie werden wollte.

Es tut mir sehr leid, dass ich zu Ihnen nicht in Deutsch sprechen kann, aber ich konnte noch nie Fremdsprachen lernen. Ich habe einige Zeit in Deutschland verbracht, aber die Familie, in der ich war, war so entschlossen, Englisch zu lernen, dass sie mich überhaupt nicht Deutsch sprechen ließ. Doch würde ich gerne hier eine ganz andere Sprache einführen. Ich möchte gerne die Stimme des Tieres – des Wesens – das ich am besten kenne, in diesen Raum bringen.

So oft vergessen wir tatsächlich, dass die tierischen Wesen ihre eigene Stimme haben. Wir reden über sie, aber wir anerkennen nicht ihr Da-Sein. Hier ist jetzt einfach eine Begrüßung, die Sie hören würden, wenn Sie mit mir in den Gombe - Nationalpark in Tanzania kämen, wo wir seit fast 50 Jahren eine Gruppe von Schimpansen studieren und beobachten.

Und diese Schimpansengruppe hat eine Hauptrolle gespielt beim allmählichen Verstehen des Themas, über das Rainer Hagencord gesprochen hat. Dies ist der Laut, den Sie hören könnten am Morgen, den ein Schimpanse auf der einen Seite eines schönen Tales ausruft, wenn er wissen will, ob irgendjemand auf der anderen Seite ist.(Hier macht J.G. die Schimpansen-Begrüßung nach.)

Das bedeutet: „Hallo, ich bin hier. Wer ist dort draußen?“

Ich mache diesen Laut mit einer Absicht, ich trage ihn um die ganze Welt, weil ich denke, dass er die Menschen auf eine andere Gefühlsebene bringt. Wir können uns vorstellen, draußen im Wald zu sein, wenn wir einen solchen Laut hören. Er kann uns aus diesem Raum forttragen, so schön wie er ist, in eine natürlichere Welt, in die Welt, die ich liebe, die Welt, die mich Erfahrungen machen ließ, wie die, die Rainer Hagencord heute genannt hat.

Zuerst möchte ich einmal ganz kurz erklären, welch wichtige Rolle Schimpansen in meinem Leben spielen, in meinem Verständnis und in der Entwicklung meines eigenen Empfindens, für wen wir als menschliche Wesen auf diesem erstaunlichen Planeten sind.

Schimpansen sind Mitgeschöpfe

Wenn ich auf diese 50 Jahre zurückblicke, bin ich immer wieder beeindruckt, wie viel wir über/ durch die Schimpansen gelernt haben und wie wir durch dieses Wissen realisieren/ erkennen, wie ähnlich sie uns sind – oder wie ähnlich wir ihnen sind. Wir haben nicht nur von der Forschung in Gombe, Tanzania gelernt, sondern auch, später, von der anderer Biologen, die hinaus gegangen sind, um Schimpansen in verschiedenen Lebensräumen zu studieren. Wissenschaftler, die mit gefangenen Schimpansen gearbeitet haben, lernten immer mehr, wie ähnlich ihre Biologie der unseren (menschlichen) ist. Die DNA von Schimpansen und Menschen unterscheidet sich nur in etwas mehr als einem Prozent. Ihr Blut ist dem unseren so ähnlich, dass wir eine Bluttransfusion von einem Schimpansen bekommen könnten, wenn wir mit der Blutgruppe übereinstimmen.

Ihr Immunsystem ist so ähnlich zu unserem, dass sie sich mit allen bekannten menschlichen Krankheiten anstecken könnten. Noch faszinierender ist für mich, dass ihr Gehirn in seiner Anatomie unserem so ähnlich ist -  es ist nur etwas kleiner.

So ist es nicht überraschend, dass die intellektuellen Fähigkeiten der Schimpansen den unseren so ähnlich sind: Sie können mit ihrem Verstand Dinge tun, von denen wir annahmen, dass nur Menschen sie tun können. Den ersten wirklichen Durchbruch, den ich in diesem Gebiet machen konnte, war 1960, als ich sah, wie ein Schimpanse einen Grashalm aufnahm und als Werkzeug benutzte. Und dann sah ich ihn einen Zweig aufnehmen, die Blätter davon abstreifen und ihn als Werkzeug benutzen.

Zu dieser Zeit nahm man an, dass nur Menschen Werkzeuge machen und benutzen können.

Menschen waren definiert als Werkzeugmacher. Als mein Mentor Lewis Leakey von diesen Beobachtungen hörte, sagte er: „Nun müssen wir den Menschen neu definieren und Werkzeug neu definieren oder Schimpansen als menschliche Wesen akzeptieren.“ Wir fanden auch heraus, dass es verblüffende Ähnlichkeiten im Sozialverhalten gibt. Schauen wir z. B. einmal darauf, wie Schimpansen kommunizieren: Sie haben viele Rufe und Laute. – Ich habe eben einen vorgemacht.- Aber sie kommunizieren auch mit dem, was wir Körpersprache nennen, so wie küssen, umarmen, Händchen halten, auf den Rücken klopfen, stolzieren, Steine werfen, zuwinken, lachen, Diese Dinge tun sie im gleichen Kontext wie wir.

Ich war besonders interessiert an den Familienbeziehungen. Die Bindungen zwischen Mutter und Kind, und zwischen Brüdern und Schwestern sind verblüffend eng und dauern oft ein Leben lang.

Es gibt keine dauernden Bindungen zwischen nicht verwandten männlichen und weiblichen erwachsenen Schimpansen, aber die männlichen Schimpansen verhalten sich in der Regel wie Väter zu allen Jungtieren in ihrer Gemeinschaft. Und sie patrouillieren an den Grenzen ihrer Territorien und schützen die Quellen für ihre weiblichen und jugendlichen Mitglieder der Gemeinschaft. Die Bindung zwischen den Familienmitgliedern ist so eng, dass – wenn eine Mutter stirbt – das überlebende Kind fast immer von einer älteren Schwester oder einem älteren Bruder adoptiert wird. Und wenn das Kind alt genug ist, um ohne die Milch der Mutter zu überleben, dann kann das ältere Geschwister wirklich das Leben des Kindes retten. Aber sie hängen drei Jahre von der Milch ab. Es ist eine sehr lange Kindheit, in der die Schimpansen-Jungen lernen, genau wie unsere Kinder, durch Beobachten und Üben.

Wir wissen nun, dass in allen Teilen von Afrika, wo Schimpansen studiert worden sind, sie verschiedene Arten der Werkzeug- Benutzung zeigen, die die Jungen von den Erwachsenen lernen. Dies können wir als primitive/ einfache Kulturen beschreiben.

Es war ein großer Schock für mich, als ich entdeckte, dass Schimpansen fähig sind zu Gewalt und Brutalität. Es gab sogar eine Art primitiven Krieges, als die männlichen Schimpansen einer Gemeinschaft sich völlig ausrotteten und nur die jungen erwachsenen Weibchen verschonten, die sie anzuwerben versuchten.

Es war schockierend für mich zu erkennen, dass diese Gewalt sie uns Menschen noch ähnlicher machte als ich vorher gedacht hatte. Das war ein trauriger, aber wahrer Moment. Wir sollten jedoch beherzigen, dass sie, obwohl sie eine dunkle Seite haben, so wie wir, auch Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und echtes selbstloses Handeln zeigen. Wenn wir also tatsächlich einige Veranlagungen von unseren alten Primaten-Vorfahren geerbt haben – was wir glauben, wenn wir die Evolutionstheorie akzeptieren – dann sind vielleicht Gewalt, Aggression und Krieg Teil unserer Evolutionsgeschichte, aber ebenso Liebe, selbstloses Handeln und Mitgefühl. Und es scheint mir, dass in jedem von uns diese beiden Seiten Krieg führen, und von jedem von uns verlangt wird zu kämpfen: die eine Seite zu unterdrücken und die andere zu entwickeln.

Wenn man auf diese 50 Jahre zurückblickt, ist es ganz klar, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen mit Persönlichkeit, Geist, Seele, Verstand und Gefühlen sind, und dass es keine scharfe Trennungslinie zwischen uns und dem übrigen Tierreich gibt. In früheren Tagen verstanden die Menschen das. In vielen östlichen Philosophien hat sich dieses Verständnis bis heute erhalten. Die indigenen Völker nennen Tiere ihre Brüder und Schwestern, so wie es auch Franz von Assisi tat. Aber in der westlichen Welt haben wir uns von dieser Sichtweise entfernt. Wir machen eine Trennung zwischen ihnen und uns. Die Schimpansen helfen der Wissenschaft zu realisieren, dass es keine wirkliche Trennung, keine scharfe Linie zwischen uns gibt – gerade mal eine verschwommene, unscharfe Linie!

Als ich mit meinen Schimpansen-Studien begann, hatte ich keinerlei akademischen Grad. Ich war auf keiner Hochschule gewesen. Nach einem Jahr in Afrika sagte Louis Leakey, dass ich einen Studienabschluss erwerben müsste. Ich müsste auf eigenen Füßen stehen, fähig, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. So besorgte er mir einen Platz an der Universität von Cambridge. Ich sollte nicht nur den BA, sondern gleich den PhD erwerben. Er sagte: „Murkse nicht mit einem BA herum.“ So war ich etwas nervös als ich nach Cambridge kam, aber auch freudig-erregt. Ich wollte wissenschaftlich arbeiten. Und dann war es ein Schock, von den Professoren gesagt zu bekommen, dass ich alles falsch gemacht hätte. Ich hätte den Schimpansen keine Namen geben sollen, sondern Nummern. Das sei eher wissenschaftlich. Ich hätte nicht sagen sollen, dass Schimpansen Persönlichkeiten haben oder einen Geist undVerstand, der fähig sei zu denken oder gar Gefühle zu haben, weil solche Eigenschaften einzig und allein uns, den menschlichen Tieren zustünden.

Zu dieser Zeit nutzten Wissenschaftler Schimpansen in Labors, um verschiedene Krankheiten zu studieren, die andere Tiere, die uns weniger ähnlich sind, nicht bekommen können oder sich nicht damit infizieren können. 

Sie studierten an Schimpansen auch Geistesstörungen mit der Absicht, Menschen mit ähnlichen Beschwerden zu helfen.

Sie waren völlig unvorbereitet darauf, anzuerkennen, dass es nicht nur körperliche Ähnlichkeiten gab, sondern genauso intellektuelle und emotionale. Und es war mein großer Kampf, dass akzeptiert wurde, dass Tiere tatsächlich Persönlichkeiten sind, die Geist und Gefühle haben. In Cambridge wurde ich konfrontiert mit gelehrten Wissenschaftlern und ich wusste in Wirklichkeit nichts über die Wissenschaft. Ich weiß nicht, ob ich ihnen hätte standhalten können, wenn da  nicht zwei Dinge gewesen wären. Da war einmal meine sehr weise Mutter. Sie hatte mich immer gelehrt: Wenn jemand nicht mit deiner Meinung übereinstimmt, solltest du als erstes zuhören, sehr sorgfältig zuhören. Und dann überdenke deine Meinung im Blick auf das, was du gehört hast. Wenn du dann immer noch fühlst, dass du Recht hast, dann musst du den Mut haben, zu deiner Überzeugung zu stehen. Die zweite und wichtigste Sache war, dass ich als Kind einen wundervollen Lehrer gehabt hatte – einen Lehrer, der mich gelehrt hatte, dass Tiere auf jeden Fall eine Persönlichkeit haben und einen Verstand, Gefühle und Emotionen. Dieser Lehrer war mein Hund, Rusty. Ich denke, dass jeder von uns, der sein Leben in bedeutungsvoller Weise geteilt hat mit einem Hund oder einer Katze, einem Kaninchen, einem Meerschweinchen, einem Pferd, einer Kuh, einem Esel oder irgendeinem Tier mit einem angemessen komplexen Gehirn, weiß, dass Tiere Persönlichkeiten sind, Verstand und Gefühle haben, dass sie Namen verdienen, dass sie nicht bloße Dinge sind, die nur zu unserem Vergnügen in dieser Welt sind, die wir gebrauchen oder missbrauchen können, gerade wie es uns gefällt. Und das Sprechen über die Schimpansen, die uns in Vielem so ähnlich sind, biologisch und in ihrem Verhalten, verstandesmäßig und gefühlsmäßig, befähigte mich, diesen Standpunkt zu vertreten. Zu erklären, dass sie Lebewesen sind mit ihrem eigenen Platz in der Natur. Mein wachsendes Verständnis für das Verhalten der Schimpansen war ungemein hilfreich bei meinen Bemühungen, anderen Menschen die wahre Natur von Tieren verständlich zu machen.

Und je mehr wir lernten über die Vielfalt der Tierarten mit komplexen Gehirnen, Verhaltensweisen und Gesellschaften, desto mehr wurde es offensichtlich – sogar für einige starrsinnige Wissenschaftler – dass sie Unrecht hatten, dass Tiere eine eigene Daseinsberechtigung haben.

Es gibt immer noch einigen Widerstand gegen dieses Denken, besonders von den Leuten, die Studien mit gewaltsamen Eingriffen in das Leben der Tiere machen, oder die in das Geschäft der Massentierhaltung involviert sind oder in andere grausame Praktiken dieser Art.

Trotz der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Schimpanse gibt es auch Unterschiede

Ich habe viel über die Ähnlichkeiten zwischen Schimpansen und Menschen gesagt, aber es gibt auch Unterschiede. Für mich ist der Hauptunterschied  die explosionsartige Entwicklung der menschlichen Intelligenz.  Ja, Schimpansen können Dinge tun, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie dazu in der Lage wären. Sie können sich selbst in Spiegeln erkennen. Sie können verallgemeinern und abstrakte Symbole verstehen. Sie können die Zeichen benutzen, die von tauben Menschen gebraucht werden: Amerikanische Gebärden-Sprache (ASL). Sie können 400 oder mehr dieser Zeichen lernen und in der Kommunikation untereinander oder mit ihrem Lehrer gebrauchen. Sie können alle möglichen verblüffenden Dinge mit Computern tun. Und dennoch kann man auch den intelligentesten Schimpansen nicht vergleichen mit einem durchschnittlichen menschlichen Wesen, wenn es um die intellektuellen Fähigkeiten geht.

Denken wir gerade einmal, was wir mit unseren verblüffenden Gehirnen tun. Wir haben Menschen zum Mond geschickt. Wir haben eine Medizin entwickelt, die das Leben von Hunderten von Menschen (und Tieren) gerettet hat. Und wenn wir an unsere Literatur und Kunst denken, und an die Musik, zeigt das, wozu die Menschheit intellektuell fähig ist.

Es ist wirklich schade, dass wir unsere Gehirne auch für weniger wertvolle Absichten benutzt haben, z. B. für das Entwickeln von Massenvernichtungswaffen. Aber ich glaube, das Gute überwiegt das Böse.

Wie hat unser Intellekt sich so ungeheuerlich entwickeln können verglichen mit dem der Schimpansen oder anderer Geschöpfe? Ich glaube, weil wir an einem bestimmten Punkt unserer Evolution eine anspruchsvolle Sprache entwickelten. Heute gebrauchen wir beides, Englisch und Deutsch, und mit diesen Sprachen, wenn wir sie verstehen, können wir eine Diskussion führen. Wir können Menschen zusammenbringen, die eine unterschiedliche Auffassung über die Welt um sie herum haben, damit sie ein Problem zu lösen versuchen. Und jeder wird seine eigenen Fähigkeiten einsetzen. Wir können unsere Kinder über Dinge belehren, die nicht gegenwärtig sind. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich Ihnen Geschichten von Gombe erzählen, und Sie könnten sich vorstellen, dort zu sein, weil wir Wörter in einer Weise benutzen können, so dass sie Bilder im Kopf malen und Gefühle und Emotionen wecken in denen, die zuhören.

Ist es nicht seltsam, dass wir trotz – oder vielleicht wegen – unserer hoch entwickelten Intelligenz unseren einzigen Planeten zerstören? Wie Sie gehört haben, war ich gerade in Kopenhagen (um den Klimagipfel zu besuchen), wo Menschen darüber diskutieren, wie wir diesen Planeten retten können vor dem allmählichen Klimawandel, der aus unverantwortlichem menschlichem Handeln entstanden ist. Wir sehen nun überall die Anzeichen, die auf das Überleben vieler Tierarten einwirkt, Millionen von Menschen in die Armut stürzen, Umweltflüchtlinge hervorbringen usw.

Wir scheinen die Weisheit verloren zu haben, die Weisheit der indigenen Völker, die ihre Entscheidungen auf folgende Grundlage stellten: „Wie wirkt die Entscheidung, die wir heute treffen, auf unser Volk in der Zukunft?“ Dagegen treffen wir heute viel zu oft Entscheidungen auf der Grundlage: „Was bewirkt /nutzt die Entscheidung, die ich heute treffe, mir selbst? Wie wirkt sie auf meine Zukunft/ meine Karriere? Wie wirkt sie auf das nächste Aktionärstreffen in drei Monaten?“ Das sind die Kriterien, die wir gebrauchen. Und das Ergebnis ist der leidende alte Planet Erde.
Was für eine  seltsame Mischung sind wir Menschen.

Spiritualität in der Natur

Viele Gedanken, die ich über die menschliche Natur habe, sind aus dem Vergleich entstanden zwischen unserem Verhaltens und dem der Wesen, die uns in vielem so ähnlich sind, die Schimpansen. Und dann habe ich nachgedacht über die Eigenarten, in denen wir uns unterscheiden, Eigenarten, die uns zu einer einzigartigen Spezies machen.

Und im Laufe der Zeit enthüllte die weitere Forschung noch mehr Ähnlichkeiten, so dass ich immer wieder neu nachdenken musste, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ein intellektuelles und emotionales Merkmal nach dem andern, von dem früher angenommen wurde, dass es nur bei Menschen zu finden sei, wurde auch bei den Schimpansen (und einigen anderen Tieren) nachgewiesen. Viele Menschen hat es aus der Fassung gebracht – und sie waren zum äußersten entschlossen nachzuweisen, wie völlig verschieden wir Menschen von allen anderen Lebewesen sind, denn viele Menschen, besonders die religiösen und wissenschaftlichen Gemeinschaften, schienen ein wirkliches Bedürfnis zu haben nachzuweisen, dass wir, in der Tat, etwas ganz anderes sind.

Sie waren eifrig darauf bedacht , uns auf ein Podest zu setzen, uns eine einzigartige und bevorzugte Position auf diesem Planeten zu geben. Und als man dachte, dass die alten Mauern, die uns von den anderen Tieren trennten, eine nach der anderen fielen, waren einige Leute aufs Äußerste entschlossen, neue zu finden.

Was ist mit dem Tod? Beerdigen Schimpansen ihre Toten? Nein, das tun sie nicht – jedoch tun es Elefanten. Trauern Schimpansen? Ja, das tun sie – sie werden deprimiert. Und tatsächlich kann ein Kind sterben, wenn die Mutter stirbt, sogar wenn das Kind überleben könnte, weil ausreichende Nahrung da ist. Es scheint, dass die Welt der Kinder zerbrochen ist, wenn sie ihre Mütter verloren haben, und sie verlieren ihren Lebenswillen, sei zeigen Zeichen einer klinischen Depression und können tatsächlich sterben. Das Gleiche gilt für einige andere Tiere.

Dann begannen Leute zu fragen: „Was ist mit der Religion?“ Das klingt etwas lächerlich. Aber bedenken Sie Folgendes: Draußen in den Wäldern von Gombe gibt es einige wundervolle Wasserfälle. Einer ist besonders beeindruckend. Das Wasser stürzt ca. 80 Fuß (24 m) tief über eine Felskante. Es ist ein schmaler, fast fließender Strom, und seit Hunderten von Jahren hat dieser Wasserfall einen tiefen Graben in den Fels geschnitten. Wenn das Wasser hinunterstürzt, verdrängt es die Luft, eine Brise entsteht, die das Farnkraut am Grunde des Wasserfalls sich wiegen lässt, und die Kletterpflanzen hängen über die Felskante. Wenn man näher kommt, wird das Brüllen des herabstürzenden Wassers lauter. Schimpansen, die sich dem Wasserfall nähern, zeigen manchmal Zeichen von Erregung. Ihre Haare sträuben sich, und wenn sie näher kommen, zeigen sie eine verblüffende Schau, sehr rhythmisch sich von einem Fuß auf den anderen wiegend. Und sie nehmen große Felsbrocken aus dem Bachbett, werfen sie und stampfen im Wasser. Diese Schau, dieser Tanz kann zwanzig Minuten dauern. Und sie klettern die Schlingpflanzen hinauf, die an der Seite des Wasserfalls hängen und schubsen sich in den Sprühnebel. Gegen Ende sitzen sie auf einem Felsen und- wenn man das Glück hat, ihre Augen zu sehen, dann kann man sehen, wie sie das Wasser beobachten.

Was ist es, dieses scheinbare Leben, das immer kommt und immer geht, aber auch immer hier ist?

Ich kann nicht anders als zu glauben und  zu fühlen, dass die Schimpansen etwas erfahren, das ähnlich dem Staunen und der Ehrfurcht ist, die ich selbst erfahre, wenn ich ein Wunder der Natur erlebe: diese Art von Gefühlen, die vielleicht zu den frühen animistischen Religionen führten – so wie die Anbetung des Wassers oder die Anbetung der Sonne; die Dinge, die die ersten Menschen nicht tiefer, nicht anders verstehen konnten als die Schimpansen. Aber weil die ersten Menschen eine Sprache hatten, konnten sie ihre Empfindungen diskutieren und das kann zu den ersten rituellen religiösen Praktiken geführt haben. Vielleicht haben auch die Schimpansen solche Gefühle, aber sie können  nicht darüber reden. Sie können einander nachmachen. Sie können die Erregung voneinander übernehmen, aber das ist etwas anderes. Wenn sie also einen Sinn für Religion haben sollten, so ist er in ihnen eingeschlossen.  

Haben sie eine Seele? Das war die nächste Frage. Wir können nicht beweisen, dass wir eine Seele haben. Wahrscheinlich glauben viele hier in diesem Raum, dass wir eine Seele haben oder wir hoffen, dass wir eine Seele haben. All die Monate und Jahre, die ich auf mich gestellt im Wald verbracht habe, dort, wo alles Leben miteinander verwoben ist, lassen einen Sinn für Staunen und Ewigkeit entstehen. Einige der Bäume dort wuchsen schon, als Christus über diesen Planet Erde ging.

Und als ich immer mehr in Einklang mit dieser wundervollen natürlichen Welt kam, mit ihrem Regen, ihren Stürmen, ihren schönen Seen, den Sonnenaufgängen, den Sonnenuntergängen, fühlte ich ganz stark eine große Spirituelle Kraft überall um mich herum. Meine Mutter lehrte uns, mich und meine Schwester, dass wir, wo immer wir auch auf dieser Welt geboren wären, wir einen Gott anbeten würden und dieser Gott würde unterschiedliche Namen haben. Vielleicht Allah, vielleicht Tao oder Gott. Aber sie sagte: „Denkt daran: Es gibt nur einen Gott. Es kann nur einen Gott geben. Was immer wir also Gott für einen Namengeben, es ist der gleiche Gott, den wir anbeten.“ Das lehrte sie mich, als ich ein Kind war.

Und als ich als Erwachsene draußen im Urwald war, umgeben von dieser großen Spirituellen Kraft, die ich Gott nenne, empfand ich immer stärker, dass alles Lebendige und jedes Lebewesen in diesem wunderbaren Wald einen Funken von dieser göttlichen Spirituellen Kraft in sich hat. Wir haben unsere menschliche Sprache. Wir haben ein überwältigendes Denkvermögen. So fragen wir uns: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was ist der Sinn des Lebens? Weil wir diesen Funken des Göttlichen in uns spüren, haben wir das Bedürfnis, ihm einen Namen zu geben. Wir nennen ihn Seele! (Oder den Geist). Und ich glaube, dass die Schimpansen und die anderen Tiere auch diesen Funken des Göttlichen in sich haben. Sie machen sich keine Gedanken darum, wie es genannt wird, Seele oder irgendwie anders. Sie sind einfach weiterhin ein Teil dieser natürlichen Welt. Sie stellen es nicht in Frage. Und es ist aller Wahrscheinlichkeit nach wahr, dass auch Bäume und Pflanzen, diese wunderbaren Formen des Lebens, diesen göttlichen Funken haben.

Wenn ich draußen in der Natur bin – im Wald oder in den Bergen oder auf den Ebenen oder auf dem Meer, dann verliere ich mein Ich-Bewusstsein. Das Ich ist nicht wichtig. Ich kann mich selbst vergessen. Wenn ich mit jemandem zusammen bin, werde ich an meine menschliche Natur/ mein Menschsein erinnert. Wenn ich alleine bin, vergesse ich, dass ich ein Mensch bin und ich habe ein tiefes Gefühl für das Einssein mit der Natur.

Etwas Ähnliches habe ich in einigen großen Kathedralen empfunden. Aber ich habe dort nicht das gleiche Empfinden von Einssein mit dem Universum gespürt wie ich es im Wald gefunden habe.

Tier haben eine große Bedeutung für die Menschen

Zum Abschluss möchte ich über unsere Beziehung zu den Tieren sprechen. Ich denke, dass die Idee für dieses Institut (das Institut für theologische Zoologie), die Rainer Hagencord hat, wundervoll ist. Ich denke, es gibt eine so große Notwendigkeit, unser Wissen über das Wesen der Tiere und was sie für uns tun können, mit einer breiten Basis von Menschen in Religion und Wissenschaft zu teilen. Natürlich gibt es manch eine Kontroverse zwischen Wissenschaft und Religion, aber ich habe nie einen Widerspruch zwischen beiden empfunden. Ich sehe kein Problem darin, an die Evolution und an Gott zu glauben. Ich sah es niemals. Genauso wenig wie meine Familie oder Louis Leakey. Rainer Hagencord und ich haben heute darüber gesprochen, wie Tiere uns auf so vielfältige Weise helfen können und wir fangen an zu verstehen, wie kostbar  sie für uns sein können.

Wie sie kranken und alten Leuten helfen können. Man kann beobachten, wie sich Menschen ändern, wenn sie mit einem Tier in Kontakt kommen. Ich wünschte, hier wäre ein Hund. Er würde die Atmosphäre verändern. Es wird uns schon warm ums Herz beim Gedanken, dass ein Hund hier wäre. Ich habe beobachtet, wie sich Räume verändern, wenn ein Hund hereinkommt. Ich habe einen blinden Freund von mir in die U.N. eingeladen, als ich eine Ansprache halten sollte. Und natürlich brachte er seinen Blindenhund mit. Das war mein Trick, einem Hund Zutritt zu einer Versammlung zu verschaffen! Und jeder hat gelächelt. Autistische Kinder können lesen lernen, wenn sie zu einem Hund sprechen. Sie glauben, dass der Hund sie verstehen kann und so lernen sie besser lesen als mit jeder anderen Methode, weil es den Hunden egal ist, wenn sie einen Fehler machen. Hunde können Landminen erspüren. Sie können Drogen erspüren. Hunde und andere Tiere helfen uns auf so vielfältige Weise. Und nun müssen wir den Tieren helfen. Sie erleben eine schlimme Zeit in unseren Betrieben der Massentierhaltung oder in unseren Pelzfarmen. Sie werden als Haustiere schlecht behandelt oder im Zirkus grausam trainiert. Wir zerstören ihre Lebensräume in der Wildnis. Ich könnte Stunden von all dem Leid erzählen, das wir Tieren antun. Aber ich könnte auch stundenlang über die tollen Leute reden, die ihnen helfen.

Diese letzte Geschichte handelt von einem Schimpansen, der in Afrika geboren wurde. Seine Mutter wurde erschossen, als er ungefähr  1 ½ Jahre alt war. Man kann in der Wildnis kein Schimpansen- Baby der Mutter wegnehmen, außer man tötet sie, denn die Schimpansen sind sehr beschützend. Das Baby wurde zu einem medizinischen Forschungsinstitut in die USA geschickt und in einen Käfig gesteckt, 5 Fuß (1,5m) x 5 Fuß (1,5m) groß und 7 Fuß (2,10m) hoch. Als er ankam, wurde er „Alter Mann“ genannt, obwohl er so jung war. Denn wenn Schimpansenkinder deprimiert sind, kauern sie sich hin, ihre Augen sind teilnahmslos und leer in ihrem faltigen Gesicht, so dass sie wirklich alt aussehen. Er war ungefähr 20 Jahre lang in dem Käfig. Und dann wurde er einer von den Glücklichen. Sie brauchten ihn nicht länger für die Experimente. Sie stellten nach all dem fest, dass Schimpansen nicht brauchbar seien, egal wofür sie forschten. Sie mögen uns ähnlich sein, aber sie sind nicht identisch mit uns. Er wurde frei gelassen und kam in einen Zoo auf eine von Menschen gemachte Insel. Außer ihm gab es dort noch drei weibliche Tiere, zwei aus dem Labor und eines aus einem Zirkus. Die Insel war von einem Wassergraben umgeben, weil Schimpansen nicht schwimmen. Ein junger Mann, Marc Cusano, war angestellt, um diese Schimpansen zu versorgen. Man hatte ihm gesagt: „Geh niemals in ihre Nähe. Sie hassen Menschen. Sie sind bösartig, sie sind stärker als du und können dich töten!“ Marc nahm das Futter und warf es von einem kleinen Boot aus auf die Insel. Er begann, sie zu beobachten. Ein Baby wurde geboren. Old Man war der Vater. Und Marc beobachtete, wie sehr Old Man dieses Kind liebte und sein Futter mit ihm teilte. Er wollte es herumtragen und schützen vor wirklicher und eingebildeter Gefahr. Wenn Marc sich mit dem Futter näherte, sah er, dass sie so voller Freude waren, dass sie sich küssten und umarmten, bevor sie einen Bissen nahmen. Da begann er zu denken: „Wie kann ich mich um diese außergewöhnlichen Geschöpfe kümmern, wenn ich nicht irgendeine Art von Beziehung zu ihnen habe?“ – So fuhr er jeden Tag ein wenig näher heran.

Und eines Tages hielt er ihnen eine Banane in der Hand hin und Old Man nahm sie. Marc sagte zu mir: „Ich weiß jetzt, wie du dich gefühlt hast, Jane, als David Greybeard (der 1. Schimpanse, der Zutrauen zu Jane fasste) zum 1. Mal eine Banane von dir nahm.“

Eines Tages wagte Marc es, auf die Insel zu gehen – und nichts geschah. Niemand verletzte ihn. Old Man schien sehr freundlich zu sein. So wagte Marc es eines Tages, nahe an ihn heran zu gehen und ihn zu kraulen. (Schimpansen verbringen Stunden damit, einander zu kraulen. Es ist wichtig für das Miteinander-Verbundensein.) Und eines Tages kraulte Old Man auch ihn. Und einige Zeit später wagte es Marc, ihn an seinem empfindlichen Nacken zu kitzeln. Und Old Man fing an zu lachen. Sie waren Freunde geworden.

Die weiblichen Tiere blieben im Hintergrund, aber niemals verletzten sie Marc. Bis zu einem schicksalhaften Tag. Es regnete. Marc rutschte aus und viel voll auf sein Gesicht. Er erschreckte das Kind, das in der Nähe war. Das Kind schrie, die Mutter reagierte, wie Schimpansenmütter reagieren – sie raste heran, dachte, dass Marc ihr Kind verletzt hätte, und biss ihn tief in den Nacken. Die beiden anderen weiblichen Tiere liefen auch herbei, um ihrer Freundin zu helfen. Eine biss ihn in die Brust und die andere ins Bein. Er fühlte, wie das Blut lief. Er lag immer noch flach auf dem Boden und überlegte, wie er fliehen könnte. Und er sah Old Man heranstürmen mit gesträubten Haaren und Lippen, die zu einer wütenden Miene aufgeworfen waren, und er dachte: „Er denkt, ich habe sein Kind verletzt.“ Und er war sicher, er müsse sterben.

Aber was geschah? Old Man zog die Frauen weg. Er hielt sie ab, schreiend und aufgebracht wie sie waren, während es Marc gelang, sich zum Boot zu ziehen und in Sicherheit zu bringen. Ich traf Marc, als er einige Wochen später aus dem Krankenhaus kam, und er sagte: „Jane, da gibt es keinen Zweifel. Old Man hat mir das Leben gerettet!“

Für mich ist diese Geschichte sehr symbolhaltig. Wenn ein Schimpanse und zwar ein Schimpanse, der von Menschen furchtbar missbraucht wurde, es erreichen kann, einem menschlichen Freund in der Not zu helfen, dann können sicher wir mit unserer größeren Fähigkeit zu Mitgefühl und Verständnis das Gleiche für die Tiere tun, wenn sie in Not sind. Darum ist das Institut für Theologische Zoologie so wichtig. Weil dies die Art der Botschaft ist, die sowohl die religiösen als auch die wissenschaftlichen Gemeinschaften brauchen: Wir können zusammen kommen und unsere Gott-gegebenen Gehirne gebrauchen und die Herzen der Menschen erreichen und versuchen, in dieser Sache etwas zu bewirken, nicht nur für die Tiere, sondern auch für unsere eigenen Kinder und die ungeborenen Generationen, die noch kommen.